Max Dauthendey - Der Baum am Erdensaum
Totenstill und ganz allein. Sagte mir: will mich niemals mehr von hier erheben, Will entsagen allem Leben. Und mein Geist zum Geiste klagte: Will hier liegen, bis mein inneres Auge sich gelichtet. Bis sich jener Baum aufrichtet Und mein Blick die Weisheit sichtet. Und ein Regen fiel auf meinen Leib, Und der Sturm erbrauste auf den Wegen, Und der Feuerwurm der Blitze sauste unter hellem Fegen Mir in meines Auges halbgeschloßne Ritze. Sehend ward ich durch des Feuers Hitze. Weiß nicht mehr, wie lang' ich dort gelegen Auf der harten Bergesspitze. Wolken flogen rund im Kreis, Wolken, die mich durch das Weltall zogen. Meinem Leibe wurde kalt und heiß. Sah die Erde unter mir im Bogen kaum, Und zu Geist ward ich im Raum. Aber wo mein Herz am Berg gelegen, Stand mit reifer Krone groß ein Baum, Größer als die Zeit, Groß und breit wie die Ewigkeit. Und er rauschte voller Eifer: Weisheit, Weisheit! Und mein inneres Auge ewig festlich Leben Für den Tod eintauschte, Als ich ernst und hingegeben Diesem Liede heiliger Weltfestlichkeit im Geiste lauschte. aus: Lieder der Trennung Max Dauthendey, 1867-1918
RkJQdWJsaXNoZXIy MjA3NjY=