Max Dauthendey - Der werdende Dichter

Stimme noch über den Tod seines Leibes hinaus. Ohnmächtig stand ich junger Mann damals vor meinem eigenen ungeborenen dichterischen Ich. Was von mir lebte und auf Erden umherging, hatte noch farblosen Schein wie eine Wolke vor Sonnenaufgang, deren Umrisse nicht klar dastehen. Ich fühlte, daß mein Vater sich irrte, ich fühlte, daß ich weder Handwerker sein konnte noch, wenn ich einmal aufwachen würde, Maler werden wollte. Dichter werden! – o, wie ich mich sehnte, das laut sagen zu dürfen! Aber wie konnte man das werden? Dann hätte ich sofort dichten und Beweise geben müssen. Gestützt auf meine Lust zum Träumen, konnte ich meinen Vater doch nicht bestimmen, dass er mich berufslos durch die Welt wandern lassen sollte, bis eines Tages Lied um Lied aus mir sprudeln würde. Heute weiß ich es, daß ich so veranlagt bin, daß, wenn es keine Liebesleidenschaft und Liebessehnsucht gäbe, ich nie ein Lied geschrieben hätte; daß ein Lied nur aus mir kommt, wenn jene Schauer ans Herz rühren, die man nicht bestimmen kann mit den Worten Weh und Wohl, jene Schauer, unter denen sich das Herz windet, bald in Verzückung beglückender Liebesvorstellungen, bald in Zerrissenheit der Liebeszweifel und doch trunken vor Liebessehnsucht. Damals, als mein Vater zu mir sprach: »Arbeite! Erst arbeite, dann spiele!«, fühlte ich mich unklar vor einer Offenbarung stehen, die über mich kommen mußte. Ich fühlte, ohne mich noch ausdrücken zu können, mein Inneres voll von summenden Stimmen, ähnlich wie es in einem Bienenstock tagelang unruhig summt, ehe das Bienenvolk sich anschickt, den Bienenkorb zu verlassen und zu schwärmen. Ich benahm mich darum in dieser Unklarheit scheinbar willenlos und gab dem Geiste meines Vaters in allem nach, so daß er beinahe anfing, mich zu verachten. Er wunderte sich, daß ich nicht mehr Widerstand leistete und nicht mehr darauf bestand, Maler und nichts als Maler zu werden. Das merkte ich ihm an. Während mein Vater stets mit einsetzendem Willen sein Leben nach klarem Plan hatte aufbauen können, war ich und bin ich noch heute nur dann stark, wenn ich äußerlich meinen Willen ausschalte und dafür das Weltganze über meinen Willen setze und walten lasse. Immer kam in meinem Leben von selbst, was ich im tiefsten Unterbewußtsein gewünscht hatte, nie aber konnte ich mit äußerlichen Willensanstrengungen zu meinen tiefsten Wünschen gelangen. Sie lagen immer so unergründlich tief, daß nur der Arm des Weltwillens sie mir holen konnte. Ihm muß ich es immer überlassen, ob er Erfüllung bringen will, und muß mich wunschlos machen, um Wunscherfüllung zu erhalten. Aus: Der Geist meines Vaters (gekürzt)

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